top of page

Warum Krisen den Blick auf das Leben verändern

vor 2 Tagen
5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 8 Stunden


Manchmal reicht ein einziger Moment, eine Diagnose, eine Trennung, ein Verlust oder eine andere einschneidende Veränderung – und plötzlich fühlt sich das eigene Leben nicht mehr so an wie vorher.

Was gestern noch selbstverständlich war, kann heute infrage stehen. Pläne, Gewohnheiten und Vorstellungen davon, wie das eigene Leben einmal aussehen sollte, geraten ins Wanken. Manchmal betrifft das nur einen Lebensbereich. Manchmal scheint plötzlich alles anders.



Wenn das bisherige Leben nicht mehr trägt

Gerade nach einer schweren Erkrankung kann diese Erfahrung sehr deutlich werden. Eine Diagnose kann einen Menschen aus dem bisherigen Leben herausreißen. Untersuchungen und Behandlungen bestimmen plötzlich den Alltag, berufliche oder private Pläne müssen verändert werden, körperliche Grenzen verschieben sich. Dazu können intensive Gefühle kommen: Angst, Wut, Trauer, Unsicherheit oder das Gefühl, die Kontrolle über das eigene Leben zu verlieren.


Manchmal ist aber auch zunächst gar nichts davon spürbar und Betroffene funktionieren einfach. Sie erledigen, was gerade notwendig ist, organisieren Termine und versuchen, irgendwie weiterzumachen. Der Kontakt zu den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen kann dabei zeitweise in den Hintergrund treten und erst später wieder spürbar werden.


Und selbst wenn die akute Krise vorbei ist, bedeutet das nicht automatisch, dass wieder alles so wird wie vorher. Vielleicht bleibt eine Erschöpfung zurück, die körperliche Belastbarkeit ist reduziert, Prioritäten haben sich verschoben oder die berufliche Situation hat sich verändert. Das eigene Selbstbild kann sich verändern, die eigene Rolle in Familie, Beruf oder Freundeskreis kann sich verschieben, und plötzlich können sich Beziehungen fremd anfühlen.


Wenn die alte Normalität nicht zurückkommt

Ein besonders schwieriger Moment kann entstehen, wenn man versucht, wieder dort anzuknüpfen, wo man vor der Krise aufgehört hat. Man möchte wieder funktionieren wie früher. Wieder belastbar sein. Wieder arbeiten, planen, Sport treiben, unterwegs sein, das Leben genießen. Doch der eigene Körper oder die eigene Lebenssituation machen deutlich: So wie vorher geht es vielleicht noch nicht wieder oder nicht mehr.


Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie schwer es sein kann, diese Erkenntnis anzunehmen. Nach meiner eigenen Krebserkrankung gab es eine Phase, in der ich dachte, irgendwann müsste der Punkt kommen, an dem alles wieder so ist wie vorher.


Doch Genesung verläuft nicht immer geradlinig. Sie kann sich eher wie eine Bewegung in Wellen anfühlen: Es gibt Zeiten, in denen neue Kraft und Zuversicht entstehen, und dann wieder Momente, in denen man merkt, dass etwas sich verändert hat.


Und so kann auch das Zurückfinden in den Alltag solchen Wellen folgen. Es hat eine Weile gedauert, bis ich verstanden habe: Vielleicht geht es gar nicht darum, die alte Normalität zurückzubekommen. Vielleicht geht es darum, eine neue Normalität zu entwickeln. Das kann zunächst schmerzhaft sein. Aber darin kann auch die sehr heilsame Erkenntnis liegen, dass manches gar nicht mehr so sein muss wie früher.


Annehmen heißt nicht aufgeben

Annehmen wird manchmal vielleicht mit Aufgeben verwechselt. Dabei kann genau das Gegenteil der Fall sein. Wenn wir anerkennen, was gerade ist, kann Raum entstehen für eine andere Frage:


Was ist trotz allem möglich?

Was kann ich heute tun?

Was tut mir gut?

Was brauche ich gerade?

Was macht mir Freude?

Wo liegen meine gesunden Grenzen?

Und wo kann ich sie Schritt für Schritt erweitern?

 

Diese Fragen verändern den Blick: Nicht mehr nur auf das, was nicht mehr geht, sondern viel mehr auf das, was trotz allem geht. Vielleicht bedeutet das, die eigenen Bedürfnisse wieder wahrzunehmen, Grenzen deutlicher zu setzen oder bewusster auszuwählen, mit welchen Menschen man seine Zeit verbringen möchte.


Vielleicht entdeckt man Dinge wieder, die lange keinen Platz mehr hatten.

 

Auch ich habe nach meiner Erkrankung Neues ausprobiert, vor allem aber Dinge wiederentdeckt, die ich viel zu lange vergessen hatte. Dinge, die mir Freude machen, die mich in meinem Genesungsprozess sehr unterstützt haben und mich bis heute begleiten. So sind Klavierspielen, Singen im Chor und Schwimmen wieder feste Bestandteile meines Lebens geworden. Das alles war ein Prozess, bei dem es nicht darum ging, möglichst schnell wieder wie vorher zu werden. Es ging darum, herauszufinden, was mir heute guttut.


Lebendig sein heißt nicht, rund um die Uhr glücklich zu sein

Eine Krise kann den Blick dafür schärfen, was einem guttut und was vielleicht nicht mehr zum eigenen Leben passt. Das bedeutet nicht, dass man nach einer schweren Erfahrung plötzlich alles positiv sehen muss. Eine Krise darf schmerzhaft bleiben. Trauer, Angst, Wut und Unsicherheit haben ihren Platz.


Für mich bedeutet Lebendigkeit vielmehr, wieder mit sich selbst in Kontakt zu kommen. Wahrzunehmen, was gerade da ist. Zu spüren, was man braucht. Sich selbst ernst zu nehmen und wieder damit zu beginnen, kleine Entscheidungen für sich und das eigene Leben zu treffen: Heute kann etwas anderes möglich sein als gestern. Und morgen vielleicht wieder etwas anderes.



Aus Erfahrungen kann Selbstwirksamkeit entstehen

Wenn wir neue Dinge ausprobieren und erleben, dass wir Einfluss nehmen können, kann nach und nach das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten wieder gestärkt werden. Vielleicht gelingt es, eine Grenze zu setzen. Vielleicht wird eine schwierige Situation bewältigt. Vielleicht probiert man etwas aus, von dem man lange dachte, dass es nicht mehr möglich ist.


Und irgendwann entsteht dieses Gefühl: Ich habe es geschafft. Es war schwer. Aber ich habe es geschafft.

Solche Erfahrungen können stärken. Sie können Mut machen und den Blick auf die eigenen Ressourcen verändern. Wir entdecken Fähigkeiten, die wir lange nicht wahrgenommen haben, und merken, dass wir unserem Leben auch unter veränderten Bedingungen nicht völlig ausgeliefert sind.




Eine Krise verändert den Blick, aber nicht nur in eine Richtung

Eine Krise verändert vieles, doch nicht immer wird unmittelbar sichtbar, was das für das eigene Leben bedeutet. Manchmal braucht es Zeit, um die eigenen Gedanken und Gefühle zu ordnen. Einige Fragen bleiben lange offen. Und manchmal geht es zunächst einfach darum, mit dem zurechtzukommen, was gerade ist.


Doch vielleicht kann sich mit der Zeit der Blick weiten:


Was möchte ich bewahren?

Was darf sich verändern?

Was kann ich loslassen?

Was brauche ich heute?


Vielleicht liegt darin eine besondere Möglichkeit: nicht einfach zum früheren Leben zurückzukehren, sondern bewusster wahrzunehmen, wie das eigene Leben heute aussehen darf. Nicht alles lässt sich beeinflussen. Aber oft gibt es mehr Handlungsspielräume, als wir in einer Krise zunächst erkennen können. Und manchmal beginnt Veränderung dort, wo wir anerkennen, was gerade ist, und zugleich offen dafür werden, was sich daraus entwickeln kann.




Wenn du dich in diesen Gedanken wiedererkennst

Vielleicht hat eine Erkrankung oder eine andere einschneidende Erfahrung auch deinen Blick auf dein Leben verändert. Vielleicht merkst du, dass deine bisherigen Vorstellungen nicht mehr richtig passen und du noch herausfinden möchtest, was heute für dich wichtig ist und was dir guttut.


Im Coaching nach Krankheit kann Raum entstehen, solche Veränderungen zu sortieren, Zusammenhänge zu verstehen, eigene Ressourcen wiederzuentdecken und neue Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln.



 
 
bottom of page